Großdemo von Projekt M1llion und mehrere Gegenkundgebungen für den 8. August angemeldet
Für den 8. August ist in Plauen eine Großdemonstration des Projekts M1llion mit bis zu 10.000 Teilnehmern angemeldet – parallel dazu planen mehrere Bündnisse Kundgebungen unter anderem „Bunt statt Braun“ und „Zusammenstehen für eine starke Demokratie“. Zwischen der Erinnerung an 1989, aktuellen Wahlkämpfen und scharfer Regierungskritik wird die Stadt damit zur Bühne für sehr unterschiedliche politische Deutungen.

Wer demonstrieren will und wo
Nach Angaben der Versammlungsbehörde des Vogtlandkreises liegt für den 8. August eine Anmeldung des Projekts „M1llionen“ mit einer geplanten Teilnehmerzahl von 10.000 Menschen vor. Das teilte die Behörde auf Anfrage von Spitzenstadt.de mit. Vorgesehen sei demnach ein Aufzug durch das Stadtgebiet mit einer abschließenden Kundgebung auf dem Altmarkt.
Parallel dazu sind drei weitere Versammlungen bisher angemeldet:
- Der Verein „WIR – in einer Welt – Plauen/Vogtland e. V.“ plant unter dem Motto „Bunt statt Braun“ eine Kundgebung auf dem Altmarkt von 10:00 bis 18:00 Uhr mit bis zu 2.000 Menschen.
- Die SPD Südwestsachsen hat für 10:00 bis 16:00 Uhr eine Kundgebung am Albertplatz unter dem Titel „Zusammenstehen für eine starke Demokratie“ mit rund 50 Teilnehmern angemeldet.
- Der DGB Südwestsachsen möchte von 08:00 bis 16:00 Uhr eine Kundgebung am Postplatz mit etwa 150 Menschen durchführen.
Anfang Juli sollen Kooperationsgespräche mit allen Anmeldern stattfinden. Dabei will die Versammlungsbehörde nach eigenen Angaben sämtliche Modalitäten, Flächen, Zeiträume, Abläufe und Kundgebungsmittel im Detail klären. Erst danach wird feststehen, wie sich die verschiedenen Versammlungen räumlich und zeitlich genau zueinander verhalten.
Projekt M1llion: Von Berlin nach Plauen
Organisiert wird die Plauener Demonstration nach bisherigem Stand von Marcel Baldauf und seinem Projekt M1llion. Baldauf, ein bislang politisch eher nicht etablierter Akteur, hat sich innerhalb weniger Monate zum Gesicht einer neuen, regierungskritischen Protestmarke gemacht. In Berichten wird er als Schuhmachermeister aus Schwarzenberg im Erzgebirge beschrieben, der begonnen hat, „den politischen Widerstand auf der Straße“ zu organisieren.
Unter dem Label „Projekt M1llion“ rief Baldauf am 8. Juni 2026 zur Großdemonstration in Berlin auf, die dort unter dem Motto „Der Schlussstrich in Berlin“ angemeldet war. Laut Berliner Kurier organisierte das von ihm gegründete Projekt diese Kundgebung, bei der ein Elf-Punkte-Plan an die Politik adressiert werden sollte.
Zu den Forderungen dieses Plans gehören nach diesen Berichten unter anderem:
- der Rücktritt der Bundesregierung und Neuwahlen
- die Einführung direkter Demokratie nach Schweizer Vorbild
- die Abschaffung der CO_2-Steuer und eine Senkung der Energieabgaben
- eine Reform des Gesundheitssystems
- eine Verschärfung der Migrationspolitik
Ein rechtskonservatives Portal fasst die Linie zugespitzt als Forderung nach Rücktritt der Regierung, „echter Direktdemokratie“, Stopp der CO_2-Steuer und „harter Politikerhaftung“ zusammen. Politisch wird Baldauf auf Basis seiner Forderungen und der ihn tragenden Medienlandschaft im rechtskonservativen bis rechtspopulistischen Spektrum verortet. Gleichzeitig präsentiert er sein Projekt bewusst als parteiunabhängig und adressiert nach eigener Darstellung ein breites bürgerliches Milieu – von Bauern und Handwerkern über Spediteure und Selbstständige bis hin zu Pflegekräften, Rentnern, Familien und Arbeitnehmern.
Mit diesem Video wird bei YouTube für die Demo in Plauen am 8. August 2026 aufgerufen:
Die Reaktionen auf die Berlin-Demo fielen sehr unterschiedlich aus: Der Berliner Kurier berichtete nüchtern über tausende Demonstrierende, massive Verkehrseinschränkungen in Berlin-Mitte und die Übergabe des Elf-Punkte-Plans und ordnete die Aktion als regierungskritischen Protest gegen Kanzler Friedrich Merz ein, dessen Rücktritt gefordert wurde. In regierungskritischen und rechtspopulistischen Medien wurde dagegen vor allem hervorgehoben, dass „tausende“ Menschen Baldaufs Ruf gefolgt seien und ein „Mittelstand“ auf die Straße gehe; zugleich wurde dort beklagt, etablierte Medien hätten den Protest weitgehend ignoriert oder auf Verkehrsprobleme verengt.
Vor diesem Hintergrund wird Baldauf in der Szene inzwischen als Gesicht einer weiterlaufenden Protestwelle gehandelt. In einem Video wird angekündigt, dass er als Organisator für den 8. August in Plauen die nächste Großdemo beziehungsweise „Million-Demo“ plane – die „nächste Million-Demo, diesmal in Sachsen“.
AfD, Unmut und die Frage nach der politischen Verortung
In einem mit KI generierten Video (Video oben) zum 8. August beschreibt Baldauf Plauen als nächsten Höhepunkt des Projekts M1llion nach der Berlin-Demo. Die Grundthese: In Berlin sei „etwas ausgelöst“ worden, das sich nicht mehr aufhalten lasse – eine außerparlamentarische Bürgerbewegung, „keine Partei, kein Verein, keine bezahlte Organisation“, sondern Menschen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands und aus Österreich, die „es reicht“ sagen und nun nach Plauen kommen sollen. Der Rücktritt der Regierung Merz und Neuwahlen werden als zentrale, bewusst nicht-moderate Forderungen hervorgehoben. In kurzer Zeit erreichte das Video bereits eine hohe Aufmerksamkeit.
Eine wichtige Rolle spielt dabei der Blick auf die AfD und aktuelle Wahlergebnisse im Osten. Der Vogtlandkreis wird im Video als Region mit „43 Prozent AfD-Erststimmen“ bezeichnet – „fast jede zweite Stimme“. Diese Zahl werde als Ausdruck eines langfristigen, klar artikulierten Unmuts in der Bevölkerung gedeutet. Gleichzeitig betont der Sprecher immer wieder, das Projekt sei „keine AfD-Demo, keine CDU-Demo, keine Parteiveranstaltung“, weil viele Menschen „keine Parteifahne mehr schwenken wollen“ und das Vertrauen „in das gesamte System“ verloren hätten.
Tatsächlich bleibt die AfD im Narrativ dennoch permanent präsent – über Hinweise auf hohe Wahlergebnisse im Osten, über anstehende Landtagswahlen und über Angriffe der CDU auf die AfD-Spitze. In der Erzählung wird sie damit zwar formal als Nicht-Akteur („keine Parteisymbole“), aber faktisch als zentraler Profiteur und politischer Adressat des Protests in Szene gesetzt.
Parallel dazu grenzt sich das Projekt M1llion ausdrücklich von klassischer Parteipolitik ab: Es versteht sich nicht als „apolitisch“, sondern als „antipolitisch“. Die Botschaft lautet, das System sei „von innen“ nicht mehr reformierbar; wirksam werde Politik nur noch „auf der Straße“. Inhaltlich bündeln sich die Konfliktlinien vor allem um zwei Themenkomplexe, die als „Kern“ der Bewegung benannt werden: Masseneinwanderung und die Finanzierung ausländischer Kriege, konkret der Ukraine-Hilfen. Genannt werden zweistellige Milliardenzahlungen an die Ukraine, parallel zu Einsparungen im Gesundheitswesen und Beitragserhöhungen; daraus wird eine „Ungerechtigkeitsfrage“ abgeleitet („Hat man euch gefragt, ob ihr das wollt?“).
Plauen 1989 und Plauen 2026: Wie weit trägt der Vergleich?
Zweite zentrale Ebene in der Video-Inszenierung ist die historische Symbolik. Plauen wird im Projekt M1llion sehr prominent als Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution 1989 in den Mittelpunkt gestellt. Das Video erinnert ausführlich daran, dass am 7. Oktober 1989 in Plauen eine Massendemonstration gegen das SED-Regime stattfand, von der aus sich weitere Proteste entwickelten, die schließlich zur Wiedervereinigung beitrugen. Plauen erscheint so als „Ort, an dem 1989 alles begann“, als Ort, an dem ein „nicht mehr reformierbares System“ durch den Druck der Straße gestürzt worden sei.
Die Wahl Plauens für die nächste Großdemonstration wird in diesem Zusammenhang als „bewusste Entscheidung, symbolische Ansage“ beschrieben, nicht als Zufall. Die implizite Botschaft: Was damals in Plauen funktionierte – ein autoritäres, „nicht mehr reformierbares“ System durch eine Massenbewegung zu kippen – könne heute wieder funktionieren, diesmal gegen eine demokratisch gewählte Bundesregierung.
Genau hier setzt die zentrale Einordnungsfrage an, die sich aus dem Material ergibt: Lässt sich eine oppositionelle Massenbewegung gegen eine diktatorische Einparteienherrschaft in der DDR sinnvoll mit einem Protest gegen eine gewählte Bundesregierung im Mehrparteiensystem gleichsetzen? Oder wird die Erinnerung an 1989 strategisch genutzt und verkürzt, um heutige Akteure in eine Bürgerrechts-Tradition zu stellen, in der sie historisch und politisch nicht ohne Weiteres stehen?
Das Projekt M1llion zielt in seiner Erzählung klar auf den Eindruck, dass ein solcher Gleichsetzungsprozess möglich sei: 1989 hätten Bürger in Plauen ein „nicht mehr reformierbares“ System gestürzt – 2026 könne von demselben Ort aus erneut ein Wendepunkt ausgehen, diesmal gegen „die da oben“ im demokratischen System der Bundesrepublik. Ob diese Analogie politisch, historisch und moralisch trägt, bleibt eine offene Frage, die über die konkrete Demonstration hinausweist.
Gegenkundgebungen: „Bunt statt Braun“ und „starke Demokratie“
Dass für denselben Tag mehrere Gegenveranstaltungen angemeldet sind, zeigt, wie umstritten das Projekt M1llion in Plauen und im Vogtland wahrgenommen wird. Der Verein „WIR – in einer Welt – Plauen/Vogtland e. V.“ will mit dem Motto „Bunt statt Braun“ ein klares Signal gegen rechte Tendenzen und für ein vielfältiges Miteinander setzen. SPD Südwestsachsen ruft unter der Überschrift „Zusammenstehen für eine starke Demokratie“ zu einer eigenen Kundgebung auf. Der DGB Südwestsachsen plant eine weitere Versammlung am Postplatz.
Während das Projekt M1llion nach eigenen Angaben eine außerparlamentarische Bürgerbewegung formen will, knüpfen die Gegenkundgebungen an klassische demokratische und gewerkschaftliche Protesttraditionen an. Sie setzen in ihren Titeln nicht auf Systemkritik insgesamt, sondern auf die Stärkung demokratischer Institutionen und eine bewusste Abgrenzung nach rechts. Auch hier wird der öffentliche Raum zur Bühne für konkurrierende Deutungen: Ist der 8. August vor allem Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegenüber dem politischen System – oder gerade Anlass, dieses System und seine Regeln zu verteidigen?
Offene Punkte vor den Kooperationsgesprächen
Noch offen ist, wie die Stadt Plauen und die Sicherheitsbehörden den Tag konkret organisieren werden. Die Versammlungsbehörde verweist darauf, dass Anfang Juli Kooperationsgespräche mit allen Anmeldern stattfinden sollen, um Routen, Flächen, Zeitfenster und Kundgebungsmittel abzustimmen. Erst danach wird klar sein, wie dicht die einzelnen Veranstaltungen räumlich und zeitlich beieinander liegen, welche Auflagen möglicherweise erteilt werden und wie der Verkehrsraum organisiert wird.
Unklar bleibt nach den bislang öffentlich zugänglichen Informationen auch, welche formale Struktur genau hinter dem Projekt M1llion steht – ob Verein, lose Initiative oder Einzelperson –, welche Netzwerke aus Parteien, Bewegungen und alternativen Medien das Projekt organisatorisch und finanziell tragen und wie Sicherheitsbehörden Marcel Baldauf und seine Bewegung bewerten. Zu all diesen Punkten liegen derzeit keine belastbaren Einschätzungen vor.
Fest steht bereits, dass Plauen am 8. August zu einem Schauplatz wird, an dem sich mehrere Stränge überlagern: die Selbstinszenierung einer neuen, regierungskritischen Protestmarke, der Verweis auf hohe Wahlergebnisse der AfD im Osten, die symbolische Bezugnahme auf 1989 und der Widerspruch zivilgesellschaftlicher und parteipolitischer Akteure, die an demselben Tag für eine andere Lesart von Demokratie und Protest werben. Wie viele Menschen den Aufrufen tatsächlich folgen werden – und welche Bilder und Botschaften am Ende aus Plauen in den politischen Raum getragen werden –, bleibt bis dahin offen.








