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Dr. Frank Grünert mit Stadtplakette Plauen geehrt

„Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen Windmühlen“.

So war es geschehen, die SED baute 1961 die Mauer, die sie dann “Antifaschistischen Schutzwall” nannte und merkte später gar nicht, dass der Wind des Wandels, der sich Perestroika, Glasnost, “Schwerter zu Pflugscharen”, Solidarnosc usw. nannte, immer heftiger wehte. Stattdessen behaupteten sie, “die Mauer wird noch in 1000 Jahre stehen”.

Doch es gab schon die Anderen, die Windmühlen bauten, Dubcek den Prager Frühling, polnische Werftarbeiter (18.09.1980 in Danzig), Gorbatschow in der damaligen Sowjetunion, Gyula Horn in Ungarn. Auch in unserer Heimatstadt Plauen “bauten schon einige an Windmühlen”. Oft unter den Schutz von kirchlichen Gebäuden, aber auch auf Dachböden oder anderswo. Denken wir nur an die jungen Menschen aus unserer Stadt, die die Wahlbeobachtung für die Kommunalwahl am 7. Mai 1989 vorbereiteten und dann die Wahlfälschung nachweisen konnten.

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Für die diesjährige Auszeichnung im 20. Jahr der Wende und des Mauerfalls wollten wir diejenigen ehren, die sich damals engagierten. Es viel uns nicht leicht, eine Person auszusuchen, aber im Gespräch tauchte immer öfter ein Name auf, dem die Auszeichnung durch aktives Handeln zustehen würde und der stellvertretend für Viele stand – Dr. Frank Grünert.

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So darf ich heute die Laudatio zu seiner Auszeichnung sprechen und gleichzeitig alle mit ehren, die damals gemeinsam den Weg bereiteten.

Sehr geehrter Herr Dr. Frank Grünert,
sehr geehrte Frau Grünert,
liebe Mitglieder des “NEUEN FORUM”
und der anderen Gruppierungen in der Wendezeit,
sehr geehrte Festgäste!

Wir freuen uns außerordentlich, dass wir heute ein Mitglied des NEUEN FORUM und damit einen Vertreter der Gruppierungen, die damals viel Mut bewiesen, mit der Auszeichnung der Stadtplakette ehren können.

Denn der Ausgang der Aktionen war damals allen völlig unklar. Denken wir nur an – 1953 in Berlin, 1956 in Ungarn, 1968 in Prag und im Frühjahr 1989 auf dem Platz des himmlischen Friedens in China – Russische Panzer und Schießbefehl waren uns allen stets in drohender Erinnerung – die Stasi-Gefängnisse kannten damals nur wenige.

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Wenn nach der Satzung der Stadt Plauen „ … Persönlichkeiten, die sich im besonderen Maße um die Entwicklung der Stadt Plauen, um deren Ansehen oder um das Wohl ihrer Bürger verdient gemacht haben oder dafür tätig gewesen sind, die Stadtplakette der Stadt Plauen verliehen werden kann.“ , dann trifft dies hier in besonderem Maße zu. In Plauen wurde nachweislich Geschichte geschrieben, die Bedeutung von Plauen – wenn auch erst so richtig in diesen Tagen – ist bekannt. Die verschiedenen Veranstaltungen und Medienberichte der letzten Zeit geben davon ein beeindruckendes Zeugnis.

Erinnern wir uns:
Während am 7.Oktober 1989 die DDR-Führung und deren Staatsgäste aus den sozialistischen Bruderländern im Palast der Republik und in vielen Städten mit pompöser Feier den 40. Republikgeburtstag zelebrierten, versammelt sich draußen vor dem “Haus des Volkes” das Volk selbst, um gegen die politische Ignoranz seiner Obrigkeit und für Gorbatschows Perestroika zu demonstrieren.

In Plauen war schon lang vorher die Situation ebenfalls brisant. Im Frühjahr bereitet sich in der Markusgemeinde eine Gruppe auf die Beobachtung und Kontrolle der Kommunalwahlen im Mai vor. Da sie mit ihren anderen Zahlen des Wahlergebnisses logischerweise bei den Verantwortlichen damals kein Gehör fand, beschloss die Gruppe, weiter aktiv zu bleiben und sich einen Namen zu geben. Sie nannten sich im Sommer “Umdenken durch Nachdenken” und setzten sich zum Ziel, die Volkskammerwahlen 1990 zu beobachten, mehr Rechte einzufordern und gegen Umweltschäden vorzugehen. Diese Gruppe umfasste ca. 10 Personen, unter ihnen Steffen Kollwitz, Klaus Hopf, Pfarrer Henke und weitere.

Eine andere bekannte Gruppe nannte sich “Initiative” zur demokratischen Umgestaltung der Gesellschaft, die insbesondere den Aufruf zur Demo am 7. Oktober 1989 um 15.00 Uhr auf dem Theaterplatz formulierte.

Als am 10. September in Berlin das Neue Forum durch Bärbel Bohley ausgerufen wurde, dauerte es auch in Plauen nicht lange und es bekannten sich viele Andersdenkende zum NEUEN FORUM Plauen.

Hervorzuheben ist, dass Dr. Grünert, der sich Ende September 89 in der CSSR aufhielt und die Ereignissen im Rundfunk verfolgte, sich – trotz Überlegungen – nicht über die Prager Botschaft absetzte. Wie bei vielen anderen auch, hätte man dies natürlich verstehen können, vor allem, weil die Grenze von der DDR nach der CSSR inzwischen dicht gemacht wurden. Nein, er fuhr nach Hause, um hier etwas zu bewegen, was seit seiner Jugendzeit in ihm keimte – sich oppositionell zu beteiligen, damit sich in seiner – in unserer – Heimat etwas ändert.

Von Vincent van Gogh stammt die Aussage:
“Was wäre das Leben, wenn wir nicht den Mut hätten, etwas zu riskieren.”

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Nach dem 7. Oktober 89 fanden sich nun die verschiedenen Gruppen zusammen. Zum Beispiel auch die Gruppe der Ärzte um Frank Grünert und Christel Ruddigkeit oder Bauleute wie der Dachdecker Grosch und Rainer Zahn oder Jörg Schneider, der die vielen Infozettel für den 7. Oktober in Plauen schrieb.

Dr. Grünert fand über die Zahnärztin Christel Ruddigkeit zum NEUEN FORUM Plauen. Der Anlass war, wie oft in diesen Tagen, dass mancher sich nicht mehr nur unter vorgehaltener Hand oder im stillen Kämmerlein, sondern lautstark und öffentlich kritisch äußerte. So geschehen auch bei Dr. Grünert, nachdem er in einer Dienstbesprechung in der Poliklinik unter Ärzten “den Mund aufmachte – eine Lippe riskierte” und sich kritisch äußerte, sprach ihn die Zahnärztin an. Zusammen gingen sie zum Superintendenten Thomas Küttler und dann kam eins zum anderen. Das NEUE FORUM in Plauen gründete sich schrittweise, denn der Zulauf war groß. Es wurden Arbeitsgruppen gebildet und Dr. Grünert war mit Jürgen Winkler politischer Sprecher. Sie vertraten das NEUE FORUM nach außen.

Nach manchen vorherigen Versuchen gilt als eigentliches Gründungsdatum die Vollversammlung des NEUEN FORUM in Plauen am 13. November 1989 im Capitol. Zum Vorstand gehörten neben dem aktiven Kern der ersten Tage dann insgesamt 13 Personen:
– Dr. Frank Grünert, – Steffen Kollwitz, – Klaus Hopf,
– Knut Plank, – Manfred Sörgel, – Axel Schneider,
– Christel und Günther Ruddigkeit, – Herrmann Geyer,
– Heiner Seidel, – Henning Rudewig alias IM Holger,
– Jürgen Thomas und – Jürgen Winkler.

Wie man sieht, auch die Stasi war, wie bei vielen Zusammenkünften vorher, immer noch mit von der Partie.

Ziele waren anfänglich demokratische und freie Wahlen, Schließung der “Zellwolle”, Übergabe der Stasi-Immobilien und Auflösung der Kampfgruppen. Erst später kam die Wiedervereinigung dazu und im Frühjahr 1990 – keine Koalition vor und nach der Wahl mit der SED-PDS.

Warum war die Situation in Plauen so brisant?
Neben dem allgemein landesweiten bekannten Frust über Eingesperrtsein, Bevormundung und Versorgungsengpässen bei katastrophaler wirtschaftlicher Lage kam unsere besondere Grenznähe und die bereits genannte Wahlfälschung dazu.

Zugespitzt hatte sich die Situation, als am 1. und 5. Oktober in verriegelten Sonderzügen im Transit rund 14.000 DDR-Bürger aus Prag erst über Dresden, dann nur noch über Plauen “völkerrechtlich ausgewiesen” wurden, denen man lt. Honecker “keine Träne nachweinen solle”.

Stehen uns im Gegensatz nicht heute noch die Tränen in den Augen, wenn wir den wohl berühmtesten Halbsatz der Neuzeit vom 30. September `89 in der Prager Botschaft hören: “Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…..”

In Plauen bereitete man für Donnerstag, den 5. Oktober 1989, in der Markuskirche einen Friedensgottesdienst vor. Noch am gleichen Vormittag wurde der Superintendent Thomas Küttler zum damaligen Oberbürgermeister “einbestellt” – wie es damals hieß – und ihm strafrechtliche Konsequenzen wegen verfassungs- und staatsfeindlicher Ziele angedroht. Unbeirrt hat er und Pfarrer Henke die Friedensandacht durchgeführt und zwar gleich zwei Mal, da der Andrang zwischenzeitlich so groß war.

Man muss sich dies vorstellen, der Staatsapparat, der stets von Frieden redete – von Friedenstauben bis zum Kindergartenlied “Der Friede muss bewaffnet sein”, hatte Angst vor Friedensandachten.

Man darf schon noch daran erinnern, dass zu dieser Zeit alle Aktionen äußerst gefährlich waren, die Verhaftungswelle in der Nacht vom 7. Oktober und andere “Zuführungen”, wie man dies nannte, hätten auch anders ausgehen können. Internierungslager in großer Anzahl waren geplant und scharfe Munition war ausgegeben. Alle Demokratieversuche vorher wurden als Konterrevolution blutig beendet.

Wenn in der vergangenen Woche zur gleichen Zeit, wie vor 20 Jahren am 5. Oktober in der Markuskirche, in einer Friedensandacht Erinnerungen wach gehalten wurden, dann kann man nur dankbar sein, dass solche Aktivitäten von damals nicht vergessen werden. Es wurde nicht nur erinnert, sondern erneut aufgefordert wie vor 20 Jahren, die Stunde zum Nachdenken und verantwortungsvollen aktiven Handeln zu nutzen.

Die Aufforderung, die Eckpfeiler der Gesellschaft wie Verantwortung, Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit hoch zu halten und zu verteidigen, statt den neuen Hemmnissen unserer Zeit wie Egoismus, Streben allein nach materiellen Dingen und Missmut zu frönen, sollten uns alle ermuntern, dass “Wende” immer nötig ist, wenn Fehlverhalten und Fehlentwicklungen sich abzeichnen. Bleiben wir wachsam und schweigen wir nicht!

Am 12.Oktober 1989 wurden die verschiedenen Gruppen gebündelt und es entstand die „Gruppe der 20“, die jeweils die Samstagsdemos in Plauen vorbereiteten und die den Kontakt zu dem immer schwächer werdenden Staatsapparat unterhielt.

Viele werden sich an die Veranstaltung im Theater (29.10.89) oder in der Festhalle (05.11.89) erinnern, als einige Aktive mit Verantwortlichen der Stadt auf der Bühne offen diskutierten, unter ihnen auch Dr. Frank Grünert. Mehrfach trat Dr. Grünert auch an Samstagen zwischen Oktober 1989 und März 1990 neben Dr. Seidel und Manfred Sörgel ans Mikrofon. In dieser Zeit war er einer der Hauptakteure, der entschlossen, aber auch besonnen auftrat und ausgleichend auf die verschiedenen Charakter wirkte. Er saß mit am Runden Tisch als Vertreter des NEUEN FORUM.

Konsequent und wie viele engagiert er sich auch nach den ersten freien Volkskammerwahlen im März `89 kommunalpolitisch weiter und wurden im Mai mit dem NEUEN FORUM ins erste frei gewählte Stadtparlament gewählt. So war er von 1990 bis 1994 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und 1990 Beigeordneter für Gesundheit und Soziales. Die Umgestaltung des Gesundheits- und Sozialwesens zu organisieren, war sicher keine leichte Aufgabe. Wem konnte man vertrauen, wer war Stasibelastet, usw.!?

Hervorzuheben ist seine ruhige aber bestimmte Art, die anstehenden Probleme voranzubringen und positiv zu klären. Beruflich hat er sich selbst neuen Aufgaben gestellt und sich 1991 als freier Orthopäde niedergelassen.

Herr Dr. Grünert,
Sie haben unermüdlich und aufrichtig weiter gewirkt und auch heute – gottlob – noch Ihre kritische Blickweise behalten, was Sie uns erst dieser Tage in Ihrer Rede vor dem Stadtrat am 16.09.2009 verdeutlichten.

Sie haben daran erinnert und aufgefordert, dass die Zeitzeugen den Kindern und Jugendlichen die Geschehnisse weitergeben und erklären müssen. Die DDR war ein Unrechtsstaat, auch wenn Einige gern der Vergangenheit einen Schleier des Vergessenes und der Nostalgie überhängen wollen. Sie haben die Zusammenhänge nach der Wende und zur Wiedervereinigung kritisch beleuchtet. Dabei stellten Sie völlig richtig fest, dass zwischen guten – teilweise auch linken – Theorien und dem praktisch tätigen – meist egoistischen – Menschen eben oft Welten liegen.

Ihre Überschrift in Ihrem Porträt Zeitzeugen im Buch “Bürgermut macht Politik” lautet:
“Die Idealisten machten die Revolution,
dann kommen die Materialisten….
weiter hinten kann man dann lesen: (und machen die Politik)”

Ja, das ist eine bittere menschliche Erfahrung!

Nun, es gibt aber auch hoffnungsvolle Zeichen. Wenn zum Beispiel der Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg am 4.10.09 in Mödlareuth sagt, dass “ein Politiker sich als Dienstleister des Bürgers zu begreifen und auf die eigenen Defizite zu schauen habe” und ” Von der Politik des Draufschlagens haben die Leute im Land die Nase gestrichen voll.” dann spricht er vielen aus den Herzen. Er forderte von den Verantwortlichen Bodenständigkeit, Bescheidenheit und Demut.

Worte, die man in der Politikpraxis leider eben nicht oft hört, geschweige denn spürt – in der großen, wie auch manchmal in der kleinen Politik. Ich erwähne dieses positive Beispiel, weil wir wissen, dass Sie, Herr Dr. Grünert, genauso denken und die leider – häufig vorkommende – politische Selbstdarstellung damals wie heute ablehnen.

Auch die Finanzkrise ist ein deutliches Zeichen der materialistischen Unverfrorenheit sowie der ungezügelten Gier und Gewinnsucht. Deshalb ist die soziale Marktwirtschaft nicht falsch. Eine falsch verstandene Freiheit des Umgangs mit finanziellem Vermögen führte zu dieser Finanzkrise. Diese Fehlentwicklung muss korrigiert werden.

Ich bin eigentlich froh, dass sich die Symbolische Kerze als Wendeldenkmal durchgesetzt hat. Die Kerze war vor und während der Wende das Zeichen der Friedlichen Revolution. Auch wenn mancher Künstler anderer Meinung ist – hier sollte das Volk entscheiden, denn das Volk auf der Straße hat die Wende herbeigeführt.

Ob nun “Friedliche Revolution” oder “Wende” – in jedem Fall hat sich vor 20 Jahren das Volk von der Regierung und den Machthabern abgewendet und nicht erst am 7.Oktober – sondern schon lange vorher – Stück für Stück.

Sehr geehrter Herr Dr. Grünert,
die Stadtplakette erhalten Sie nun im 20. Jahr der Wende als Auszeichnung ganz persönlich. Mit der Auszeichnung ist aber auch eine Ehrung all jener verbunden, die mit Ihnen in der damaligen Zeit gewirkt haben. Dies haben Sie sofort verstanden, indem Sie nach Bekannt werden als erste Reaktion auf die Auszeichnung sagten:
” Ich nehme diese Auszeichnung stellvertretend für die vielen mutigen und entschlossenen Plauener Bürger, die aktiv im NEUEN FORUM ihren Teil zur friedlichen Wende `89 beigetragen haben, gerne an”.

Dies ehrt Sie, und zeigt das hohe Maß Ihres Engagement für andere da zu sein und sich für Ideale einzusetzen.

Wir wünschen Ihnen zu Ihrer heutigen Ehrung und nachträglich zu Ihrem Jubiläumsgeburtstag noch viele Jahre Kraft bei möglichst bester Gesundheit und alles Gute im Kreise Ihrer Familie, ihrer Freunde und Weggefährten.

Bleiben Sie kritisch – nur ein toter Fisch schwimmt mit dem Strom!“

Laudatio: Vorsitzenden der CDU-Fraktion im Stadtrat der Stadt Plauen, Hansjoachim Weiß

2009-10-15

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