- Donnerstag, 15 Januar 2026, 11:23 Uhr | Lesezeit ca. 3 Min.
In Plauen verschwindet ein Stück Geschichte: Frauenfabrik verschwindet
Wo einst junge Frauen arbeiteten und starben, beginnen nun die Abrissbagger
Mit dem Abriss der Frauenfabrik in der Ricarda-Huch-Straße verschwindet in Plauen ein Ort, an dem Industriegeschichte und menschliches Leid untrennbar verbunden sind. Hier verloren 1918 hunderte meist junge Frauen bei einer der schlimmsten Katastrophen des Ersten Weltkriegs ihr Leben. Die Mauern fallen – doch die Erinnerung an die Frauenfabrik bleibt.

Abbrucharbeiten werden fortgeführt
Die bereits im Jahr 2016 angezeigte Beseitigung der baulichen Anlagen auf dem Grundstück der ehemaligen DAKO wird durch den Eigentümer nun weitergeführt. Damals wurde mit dem Abbruch von Nebengebäuden begonnen, jetzt soll das Hauptgebäude zurückgebaut werden. Eine geplante Nachnutzung des privaten Grundstücks ist der Stadt derzeit nicht bekannt.
Vollsperrung der Ricarda-Huch-Straße
Für die Dauer der Abbrucharbeiten wird die Ricarda-Huch-Straße in Höhe des Gebäudes Hausnummer 1 vom 19. bis 30. Januar vollständig für den Durchgangsverkehr gesperrt. Abstimmungen mit den anliegenden Gewerbetreibenden erfolgen vor Ort durch die ausführende Firma.
Industriestandort mit wechselvoller Nutzung


Nach dem Ersten Weltkrieg befand sich in dem Fabrikgebäude zunächst die Industriewerke AG, später die Textil-Industriewerke. Ab 1950 war dort das Werk I des VEB Plauener Damenkonfektion untergebracht, später die Plauener Damenkonfektion GmbH und ab 1992 die Bekleidungswerke Plauen GmbH. Nach der Liquidation des Unternehmens im Jahr 2005 verfiel das leerstehende Gebäude zunehmend.
Historischer Hintergrund: Bau und Nutzung im Ersten Weltkrieg
Das dreistöckige Gebäude der Deutschen Glühlampenfabrik AG wurde im Jahr 1910 errichtet. Im Zuge der Ansiedlung von Rüstungsindustrie in Plauen während des Ersten Weltkriegs baute die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) Berlin die vormalige Glühlampenfabrik 1917 zu einer Kartuschieranstalt um. Dort arbeiteten überwiegend Frauen in der Munitionsfertigung.
Das Unglück von 1918 und seine Folgen
Am 19. Juli 1918 kam es in der Kartuschieranstalt zu einem verheerenden Brand, vermutlich ausgelöst durch die Selbstentzündung von Schwarzpulver. Die Katastrophe forderte 301 Menschenleben, darunter 296 meist junge Frauen, sowie zahlreiche Schwerverletzte. Es handelt sich um den schwersten Unfall der deutschen Rüstungsindustrie während des Ersten Weltkriegs. Das Durchschnittsalter der 221 aus Plauen stammenden Todesopfer betrug lediglich 23 Jahre.
Erinnerungskultur und denkmalrechtliche Einordnung
Die Industriebrache in der Ricarda-Huch-Straße erinnerte bis heute an das Unglück von 1918. Aus eigentumsrechtlichen Gründen sowie aufgrund bereits bestehender Gedenkstätten für die Opfer hatte die Stadt Plauen einem Abbruch des Areals bereits im Jahr 2014 zugestimmt. Der Industriekomplex wurde vom Landesamt für Denkmalpflege Sachsen nicht als Kulturdenkmal eingestuft.
Gedenkstätte auf dem Hauptfriedhof
Die 1920 auf dem Hauptfriedhof errichtete Grab- und Gedenkstätte für die Opfer der Katastrophe wird von der Stadt Plauen dauerhaft gepflegt und unterhalten. Dort fanden 223 Frauen ihre letzte Ruhestätte.
Doku über Plauen erzählt von Unglück
Das Unglück von 1918 ist nicht nur ein dunkles Kapitel der Plauener Industriegeschichte, sondern auch Teil der filmischen Erinnerungskultur der Stadt. Im Film „Plauen 900“ wird die Katastrophe der Frauenfabrik aufgegriffen und in den historischen Kontext der Stadtentwicklung eingeordnet. Damit bleibt das Schicksal der überwiegend jungen Frauen auch über den physischen Ort hinaus im kollektiven Gedächtnis Plauens präsent.







