Explosion in der ehemaligen Frauenfabrik - www.spitzenstadt.de
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Explosion in der ehemaligen Frauenfabrik

 

 

Spitzengeschichte 25

  Kartuschieranstalt 02 Plauener Westend, Unglücksort (Postkarte 1918): Die Katastrophe geschah in der Parsevalstraße, gegenüber dem Haupteingang der König-Georg-Kaserne (heute Behördenzentrum). Das nach der Explosion wieder instand gesetzte Gebäude war die Glühlampenfabrik der AEG, Werk I der Plauener Damenkonfektion und erster Biller-Standort. Benannt wurde die nicht mehr existierende Straße übrigens nicht nach dem Ritter der Tafelrunde Parzival, sondern nach August von Parseval, der mit dem „Parseval“- Ballon am 10. Oktober 1910 in Plauen landete. PbK (2)/Stadtarchiv Plauen

Episode:

Es ist Freitag, der 19. Juli 1918, ein heißer Sommertag. In der Kartuschieranstalt an der Parsevalstraße, vor dem Krieg ein Glühlampenwerk der AEG, produziert die 484-köpfige Belegschaft, fast alles Frauen, Waffennachschub für die Artillerie an den Fronten.

Die meisten Arbeiterinnen wiegen Pulver und füllen es ab, andere steppen Kartuschsäckchen. Die Handgriffe sind immer dieselben, die Gedanken der Frauen mögen während ihrer eintönigen Beschäftigung bei den Männer, Vätern und Söhnen in den Schützengräben gewesen sein. Vier Jahre hält das Völkermorden nun schon an, die Zeitungen sind so gut wie jeden Tag voller Todesannoncen. Gefallen fürs Vaterland. Bisher hat der Krieg seine Opfer nur im Feld gefordert. Bisher.

Die fünfte Stunde ist angebrochen, die Sonne heizt immer noch tüchtig ein. Am Haupttor der Infanterie-Kaserne (heute Einfahrt ins Behördenzentrum), nur einen Steinwurf entfernt von der Kartuschieranstalt, vertritt sich ein Posten, der gerade wachfrei hat, die Beine. Plötzlich erschüttert ein mächtiger, dumpfer Donner das Plauener Westend. Im nächsten Augenblick schießen Flammen aus den Fenstern der Kartuschieranstalt, die ganze Fabrik scheint im Nu zu brennen. Starr vor Schreck schaut der Posten auf seine Taschenuhr, die er zufällig gerade aus der Hosentasche gezogen hat. Es ist zwischen 16.20 und 16.25 Uhr, wird er später aussagen.

Anwohner des Zeppelinplatzes sehen die glutroten Flammen aus dem freistehenden, von Wiesen und Feldern umgebenen Fabrikgebäude emporlodern. Sie hasten aus ihren Häusern, auch aus der Kaserne stürzen Soldaten die Werderstraße hoch zum Unfallort. Dort spielt sich ein fürchterliches Drama ab: Die Eingeschlossenen schreien in Todesangst, einzelne Verzweifelte springen aus den Fenstern der oberen Etagen. Ein paar Glückliche können sich durch die Seitenausgänge retten. In Windeseile verbreitet sich die Nachricht von dem Unglück unter der Bevölkerung. Es gab eine große Explosion, in der Kartuschieranstalt, mit Toten, so viel steht bald fest. Alles andere bleibt vorerst Spekulation.

  Kartuschieranstalt 04 Der später in Plauen bekannte Baumeister Kurt Dietzsch ist Augenzeuge der Katastrophe. Als es im Westend so furchbar kracht, will der damals 15-jährige Lehrling auf der Flugplatz-Baustelle in Kauschwitz gerade Feierabend machen. In einem 1994 geführten Gespräch mit dem Autor erinnerte sich Dietzsch: „Wir haben eine große Rauchwolke gesehen aus südlicher Richtung. Man wusste gleich, da muss was Schlimmes passiert sein. Nach Arbeitsschluss rannten wir in die Stadt. Auf Pferdefuhrwerken lagen Verletzte mit Brandwunden, die schrieen und stöhnten. Sie wurden in die Neue Erholung (Gesellschaftshaus auf der Neundorfer Straße zwischen Klösterlein und Theaterstraße, damals Notlazarett – PbK) und ins Krankenhaus gebracht.“

Die Öffentlichkeit ist schockiert, doch Genaueres erfährt sie vorläufig nicht. Mit keinem Wort erwähnt die Presse am folgenden Tag, dem 20. Juli, den Gau. „Die Schlacht zwischen Aisne und Marne neu entbrannt“, titelt die Sonnabend-Ausgabe des „Vogtländischen Anzeigers und Tageblatt“. Auf den nächsten Seiten, wie immer, langatmige Kriegsberichterstattung. Im Sonntagsblatt dann (dafür erschien montags keine Zeitung) ein erster kurzer Einspalter. In dem steht aber nur, was die Leute eh schon wissen, nämlich dass es eine Brandkatastrophe gegeben habe in der Kartuschieranstalt. Oberbürgermeister Lehmann bedauert später den schleppenden Informationsfluss, „so manche Aufregung und manches übertriebene Gerücht (hätten sonst) vermieden werden können“.

Mittlerweile gehen die ersten Spenden ein, zahlreiche Privatleute und Betriebe aus Plauen und dem Umland geben unaufgefordert Geld für die Hinterbliebenen. Auch König Friedrich August lässt sein Beileid übermitteln und 5.000 Mark überweisen. Am Mittwoch, dem 24. Juli 1918, werden die Toten beerdigt. Die meisten finden ihre letzte Ruhestätte in einem Massengrab auf dem Hauptfriedhof, einige kommen in ihren Heimatorten Neundorf, Straßberg, Kürbitz und Weischlitz unter die Erde. Während der Trauerfeier, sie beginnt vormittags um elf, läuten die Glocken aller Kirchtürme; die städtischen Gebäude sind Halbmast geflaggt, viele Privathäuser tragen Fahnen mit Trauerflor.

Eines weiß die Bevölkerung am Tag der Beerdigung aber immer noch nicht: Wie viele Menschen mussten an diesem schwarzen Freitag in der Kartuschieranstalt wirklich sterben? Auf der Stadtverordnetenversammlung am 25. Juli legt Oberbürgermeister Lehmann endlich konkrete Zahlen auf den Tisch. Er hat sich die Ermittlungsakten von Polizei und Staatsanwaltschaft freigeben lassen und trägt die „Amtliche Darstellung“ der Katastrophe vor. Der „Vogtländische Anzeiger“ veröffentlicht das Protokoll am Sonntag darauf ausführlich. Das Inferno wird nun in Zahlen fassbar: 163 Personen sind sofort bei lebendigem Leibe verbrannt, weitere 129 der zunächst geretteten 177 Frauen starben kurz darauf an ihren schweren Verbrennungen. Insgesamt 292 Menschen riss die Explosion in einen grausamen Tod. (Der frühere Museumsdirektor Rudolf Donnerhack schreibt von 301 Opfern*, einige Schwerverletzte verstarben wohl noch.)

  Kartuschieranstalt 01 Das Feuer, so weiß man mittlerweile, ist im unteren Saal der Kartuschieranstalt ausgebrochen, dort, wo der Sprengstoff gewogen und eingesteppt wurde. Vom Parterre breiteten sich die Flammen über das Treppenhaus in Windeseile nach oben aus. Was den Brand auslöste, ist nicht bekannt und wird auch später nie geklärt werden. Sabotage schließen die Ermittler jedenfalls aus, Fahrlässigkeit oder Selbstentzündung können nicht nachgewiesen werden. Alle acht Notausgänge waren zum Zeitpunkt der Explosion unverschlossen, stellt der amtliche Bericht entgegen anders lautenden Gerüchten weiter fest. Ob die Türen nach innen aufgingen und sich unter dem Druck der panisch zum Ausgang drängenden Leiber nicht mehr öffnen ließen, wie in der Stadt erzählt wird, dazu schweigt die offizielle Version des Unfallhergangs. Wahrscheinlich hatten die Frauen im unteren Saal keine Chance, alles ging viel zu schnell. Überlebende sagten aus, dass die Flammen sofort nach dem ersten „Feuer“-Schrei im gesamten Haupthaus um sich griffen und auch die Nebengebäude erfassten.

Zwölf Arbeiterinnen aus dem ersten Obergeschoss konnten sich vor den Flammen retten, indem sie in die oberen Etagen der vierstöckigen Gebäudes flohen, wo Material der früheren Glühlampenfabrik lagerte. Von dort oben sprangen sie aus dem Fenster in den Hof, Soldaten fingen die Herabstürzenden in Zeltplanen auf. Zu den Brandwunden brachen sich einige der Frauen Arme oder Beine – aber sie überlebten.

Unfassbares Glück hatte der Betriebsleiter. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit ging Ingenieur Baumgart nach der Vesperpause um vier nicht in die Arbeitssäle. Ein auswärtiges Telefongespräch war angemeldet, dann hielt ein Briefdiktat den Chef auf. Gerade als er die Postsache unterschreiben wollte, krachte es fürchterlich. Zusammen mit dem Kontorpersonal konnte sich Baumgart durchs Fenster ins Freie retten. Nach zweieinhalb Stunden hatte die Feuerwehr den Brand gelöscht. Die Schäden am Gebäude, einem erst knapp zehn Jahre alten Eisenbeton-Bau, hielten sich in Grenzen: Das Dachgeschoss blieb unversehrt, ebenso die Büroräume im rechten Untergeschoss. Selbst einige der Doppelglasfenster überstanden die hohen Brandtemperaturen.

  Kartuschieranstalt 03 Nach dem Löschen trugen Soldaten des militärischen Rettungsdienstes die verstümmelten Leichen in Zeltplanen zum Exerzierhaus der benachbarten Kaserne. Die Verletzten waren unterdessen ins städtische Krankenhaus und die Reserve-Lazarette gebracht worden. Ironie des Schicksals: Erst zwei Tage vor der Explosion hatte der „Überwachungsausschuß für Sprengstoff- und Munitionsfabriken“ bei der Kriegsamtstelle Leipzig die Plauener Kartuschieranstalt überprüft. Die dabei „veranstaltete Alarmprobe (klappte) so vortrefflich“, hieß es in dem anschließend gefertigten Bericht, „daß sich sämtliche Säle in 14 Sekunden entleert hätten“.

Den Hinterbliebenen der Frauen und Mädchen, die eines grausamen Flammentodes gestorben sind, nützt das nichts mehr. Und auch das Geld, das die AEG sofort überweist, ist nur ein schwacher Trost. 30.000 Mark, macht 100 Mark für ein Menschenleben – will sich der Konzern damit aus der Verantwortung kaufen? Finanzielle Unterstützung bekommen die Angehörigen der Opfer von vielen Seiten. Der Freie Wohlfahrtsausschuss spendet binnen weniger Tage 18.000 Mark, das Kriegsministerium stellt eine „größere Summe“ bereit, und aus den Reihen der Bevölkerung gehen Tag für Tag Spenden an die Opferkasse.

Ob das Massensterben bei höheren Sicherheitsstandards zu verhindern gewesen wäre, darüber wird in Plauen nach dem Unglück viel diskutiert. Man hätte die Säle in kleinere Abteilungen gliedern sollen mit separaten Notausgängen, fordert ein Stadtverordneter. Er frage sich, warum es in einem Betrieb wie der Kartuschieranstalt keinen Feuerschutz gebe, wie man ihn in Theatern, Kinos und dergleichen stellt. Ja, moniert der Mann weiter, nicht einmal einfachste Hilfsmittel wie Decken zum Ersticken der Flammen seien im Moment der Not zur Hand gewesen.

Doch nur ein verbessertes Sicherheitskonzept, damit möchte sich der Oberbürgermeister nicht zufrieden geben. Lehmann signalisiert der AEG, dass künftig kein Munitionsbetrieb in Plauen erwünscht sei. Der Konzern reagiert beschwichtigend – und stellt der Stadt ein Werk zur Herstellung von Etiketten in Aussicht. PbK

Die Spitzengeschichten werden Ihnen präsentiert vom Historikus Vogtland. >> zum Historikus Vogtland

01.02.2009



Kommentar zu Explosion in der ehemaligen Frauenfabrik - Spitzengeschichten Teil

Kommentar von _Susanne Mittermaier am 26.01.2012; 12:49:48 Uhr

Mein Opa Walter Mohr, geb. 1912 in Plauen, gest. 2006 in Trostberg (Oberbayern), hat in seinen Erinnerungen die Explosion beschrieben, sie decken sich weitgehend mit den oben geschilderten Ereignissen. Er berichtet jedoch, dass die Fenster der Fabrik vergittert waren und sich deshalb nicht öffenen ließen. Die Frauen seien, an die Gitter geklammert, bei lebendigem Leib verbrannt. Seine Tante Helene Werner arbeitete auch dort, war aber ausgerechnet an diesem Tag nicht in der Arbeit und hat deswegen überlebt.

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