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Der eigensinnige Plauener Hufschmied

Offizierskorps_1866_klein

Spitzengeschichte 04

Als sämtlicher Widerspruch von Johann Gottlieb Popp keinen Erfolg gebracht hatte, nahm der Mann die Sache auf seine Art in die Hand: Er baute schwarz. Zuvor war dem Hufschmied von der Stadt Plauen, die neue Bauordnung machte es möglich, ein Teil seines Grund und Bodens am Oberen Graben weggenommen worden.

 

Spitzengeschichte 04

Gerade auf dem aber wollte Popp ein kleines Seitengebäude hochziehen – was er nun auch tat, ohne Erlaubnis. Dass sein an sich bescheidener Schwarzbau im Sommer 1846 beinahe bürgerkriegsähnliche Zustände auslösen sollte, konnte bis dahin unbescholtene Bürger nicht ahnen. Zunächst versuchte es das Bauamt im Guten und forderte Popp auf, das Nebengelass wieder abzureißen. Der dachte gar nicht daran. Also schickte die Verwaltung am 25. August 1846 einige Bauhandwerker zum oberen Graben – mit der Order, das Gebäude zu schleifen. Vielleicht kannte die Behörde ihren Pappenheimer Popp schon als widerspenstigen Charakter, denn den Maurern wurden zum Schutz drei Polizeidiener mitgegeben.

Unterdessen hatte sich der widerspenstige Hufschmied auf den Besuch vorbereitet und die Tür des Vorderhauses, durch die der Trupp musste, um in den Hof zu gelangen, verbarrikadiert. Popp selbst stand hinter der Sperre und beschimpfte die Ankömmlinge, wobei er in der Wahl seiner Ausdrücke keineswegs zimperlich war. Der Obergendarm der Amtshauptmannschaft wurde informiert und eilte herbei, aber Popp ließ nicht mit sich reden. Schließlich rissen die Polizeidiener die Barrikade nieder. Doch nicht die Uniformierten, sondern zahlreiche Nachbarn und Passanten, die der Tumult inzwischen angezogen hatte, drangen nun in das Haus ein – und stellten sich auf die Seite des Aufrührers!

 

Offizierskorps_Kommunalgarde_1866

Schneidige Mannsbilder: das Offizierskorps der Plauener Kommunalgarde 1866. Dritter von links ist Buchhändler Franz Neupert, Augenzeuge und Chronist des Einsatzes gegen Hufschmied Popp. Foto: PbK/Archiv

 

So etwas konnte sich die Obrigkeit nicht bieten lassen, nun musste die Kommunalgarde ran. Am 27. August rückte ein Zug gegen das Anwesen des aufrührerischen Hufschmiedes vor. Buchhändler Franz Eduard Neupert, Zugführer der Kommunalgarde, berichtete über deren Empfang: „Der Zug stellte sich vor der Baustelle auf.

  

Dicht hinter dem Bretterschlag (den Popp wohl zur Abwehr aufgebaut hatte – d. A.) stand der Hufschmied Popp auf einem Schweinestall, und in der Nähe des Bretterschlages war eine große Menschenmenge in Popps Garten versammelt, welche lärmte, tobte, schrie, auf die Kommunalgarde schimpfte und allerlei Unziemlichkeiten sich erlaubte.“

Noch einmal wurde Popp aufgefordert nachzugeben; ohne Erfolg, wie man sich denken kann. Jetzt sollten die anwesenden Zimmergesellen Hand anlegen, doch auch diese weigerten sich. Die Polizeidiener gingen vor, im Rücken die Abteilung der Kommunalgarde. Ein Polizist riss das erste Brett vom Verschlag. Popp, oben auf dem Schweinestall, tobte und rief die Menge um Hilfe. Das aufgeheizte Publikum schien nur gewartet zu haben auf die Gelegenheit zum Ungehorsam. Steine prasselten von allen Seiten auf die Angreifer nieder, und von oben aus den Fenstern warfen die „Frauenzimmer“. Polizeidiener und Gardisten wichen zurück auf die Straße, mehrere wurden verletzt, unter anderen der später bekannt gewordene Spitzenfabrikant Franz August Mammen.

Das Kommando zum erneuten Vorrücken hätte sich Hauptmann Merkel gleich sparen können, denn außer den Zugführern, den Rottmeistern (Unteroffizieren) und vier bis sechs Gardisten rührte sich keiner von der Stelle, um Hand anzulegen an einen Mitbürger. Die Plauener Kommunalgarde verweigerte den Dienst!

Inzwischen war auch Bürgermeister Gottschald erschienen. Er redete den Umstehenden ins Gewissen und forderte Popp „im Namen des Königs“ zum Gehorsam auf. Das Auftreten der Autoritätsperson wirkte. Die noch vor wenigen Minuten untätigen Zimmerleute rissen den Verschlag nieder, das Volk stand daneben und blieb ruhig. Die Sache schien ausgestanden – wäre da nicht plötzlich der immer noch zeternde Hufschmied zusammengesackt und wie tot vom Schweinestall gefallen.

Die Leute meinten nicht anders, als dass Popp sein Leben ausgehaucht hätte. Schreiend und grölend stürmte der Mob jetzt auf das Haus zu. Einige beherzte Gardisten hatten den ohnmächtigen, jedoch keineswegs toten Schmied in die Stube getragen, dann das Treppenhaus besetzt und die erregten Menschen erfolgreich davon abgehalten, das Zimmer des Todgeglaubten zu stürmen.

Der größte Teil der Bürgertruppe allerdings lehnte das Eingreifen weiterhin ab, sei es aus Solidarität mit dem Schmied oder aus Protest gegen die Zwangsverpflichtung zur Kommunalgarde schlechthin. Schon beim Aufstellen erklärte sein Zug, gegen Popp keine Hand zu rühren, klagte Zugführer Fedor Schnorr später in seinem Bericht und fügte sarkastisch hinzu: „Man erkannte bald, dass diese Leute bei Freibier und Vogelschießen Heldentaten lieben, sich aber um Ruhe und Ordnung wenig kümmern. Als sie vorrücken sollten, verschwanden sie oder zogen es vor, den Zuschauer zu spielen.“ Ähnliche Erfahrungen schilderte auch Friedrich Hartenstein, ein weiterer Zugführer, dessen Truppe sich bis auf eine Handvoll Männer nicht bewegen ließ, dem in Bedrängnis geratenen Bürgermeister (angebliche Angriffe auf dessen Person stellten sich erst später als Gerücht heraus) zu Hilfe zu eilen.

Der Ungehorsam der städtischen Wehr blieb nicht ohne Konsequenzen. Einige Gardisten wurden wegen Dienstverweigerung zu mehreren Tagen Arrest verurteilt und aus der Kommunalgarde ausgeschlossen.

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