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Martin Mutschmann: Ein Plauener macht Karriere unterm Hakenkreuz

Spitzengeschichte 49

Trommeln für die Macht (1929, Bad Elster, v. l.): Himmler, Mutschmann, Frick, Karl Fritsch (hinten, ein Plauener, ab 1933 sächsischer Innenminister), Goebbels, Hitler, dessen Adjudant Schaub, von Epp, der spätere Reichskommissar für Bayern, und Göring. Foto: Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden20 Jahre stand der Plauener Martin Mutschmann an der Spitze der sächsischen NSDAP. Der „Alte Kämpfer“ folgte seinem Herrn und Meister Adolf Hitler bedingungslos und wurde dafür nach der Machtübernahme der Nazis mit der Herrschaft über Sachsen belohnt. Unliebsame Zeitgenossen schaltete Mutschmann ohne Skrupel aus, seinen Regierungsaufgaben zeigte er sich wenig gewachsen.

Jede Stadt, jede Region muss mit den Persönlichkeiten leben, die sie hervorgebracht hat. Mit denen, die Bedeutsames geleistet haben, schmückt man sich gern, die schwarzen Schafe dagegen werden oft am liebsten totgeschwiegen. Aber Geschichte gibt es nun mal nur im Ganzen, und dazu gehören eben auch die finsteren Gestalten. An der Spitze dieser Kategorie bekannt gewordener Vogtländer steht ohne Zweifel Martin Mutschmann. Er galt als Vorreiter der braunen Bewegung und diente sich hoch zum Supernazi: Gauleiter der NSPAP in Sachsen, Reichsstatthalter und Ministerpräsident; weiter Reichsverteidigungskommissar für den Wehrkreis IV, Ehrenführer der SAStandarte 100, Ehrenführer im Reichsarbeitsdienst und im Arbeitsdank. Mutschmann trug das Rangzeichen eines SAObergruppenführers (Generaloberst) und gefiel sich in der Rolle des Landesjägermeisters – bis das Hakenkreuz-Imperium 1945 zusammenbrach und er als jämmerliche Figur endete – zur Schau gestellt auf dem Marktplatz von Annaberg. Wie gelangte dieser Emporkömmling in die Clique der obersten Naziführer?

Firmengründer mit 28

Bis Mitte der 1920er Jahre, da hatte Mutschmann das vierte Lebensjahrzehnt lange überschritten, deutete noch absolut nichts auf eine steile Parteikarriere hin.

Geboren wurde Martin Mutschmann am 9. März 1879 im reußischen Hirschberg an der Saale. Als der Junge sieben war, zogen seine Eltern nach Plauen um, wohl der beruflichen Möglichkeiten wegen, die die aufstrebende Vogtlandstadt seinem Vater, einem Schlosser, bot. Louis und Henriette Mutschmann waren straff völkisch-nationaler Gesinnung; die Mutter begründete im Januar 1923 die Plauener NSDAP-Frauengruppe mit und wurde dafür später als Parteiaktivistin gefeiert. Das einzige Kind der Mutschmanns besuchte die Bürgerschule und begann danach eine Stickerlehre. Dieser Beruf schien eine sichere kleinbürgerliche Existenz zu garantieren, denn die Textilindustrie boomte ausgangs des 19. Jahrhunderts in Plauen.

An der Vogtländischen Stickereifachschule sattelte Mutschmann nach der Lehre noch einen Abschluss als Stickmeister drauf. Anschließend arbeitete er zwischen 1896 und 1901 in verschiedenen Spitzen- und Wäschefabriken in Plauen, zeitweilig auch in Herford und Köln, und brachte es schon bis zum Abteilungsleiter und Lagerchef. Der Militärdienst unterbrach bis 1903 die berufliche Laufbahn Mutschmanns. Der Sachse musste nach Straßburg zur Infanterie.

Zurück in Plauen, arbeitete Mutschmann zunächst noch einige Jahre als Angestellter, ehe er sich selbstständig machte. Am 1. Oktober 1907 gründete der 28-Jährige mit einem Geschäftspartner eine eigene Spitzenfabrik: Mutschmann & Eisentraut, Bärenstraße 61. (Das Haus stand an der Kreuzung Breite-, heute Friedensstraße, Richtung Oberer Bahnhof links.)

Mutschmann, später alleiniger Firmeninhaber, beschäftigte 25 bis 30 Arbeiter. Zunächst dürfte sein Betrieb im allgemeinen Aufschwung der Spitzenindustrie mitgeschwommen sein, doch schon ab 1912 verschlechterte sich die Lage. Die Branche schlingerte in eine erste Krise, hauptsächlich, weil Spitze aus der Mode kam. Die anbrechenden Kriegsjahre taten ihr Übriges – Ausfuhrverbote in die Feindesländer Großbritannien und USA zehrten an der Substanz der Plauener Spitzenunternehmen und machten sicher auch der Mutschmann’schen Firma schwer zu schaffen.

Einer von hunderten Plauener Textilfabrikanten: Annonce im Adressbuch von 1919/ 1920Der Chef selbst hatte nach Kriegsbeginn keine Zeit mehr, sich um den Betrieb zu kümmern. Der Postbote brachte den Gestellungsbefehl für den bereits 35-Jährigen, datiert auf den 4. August 1914. Zwei Monate später wurde Mutschmanns Einheit an die Westfront versetzt, wo er sich im Frühjahr 1916 eine Verwundung zuzog. Für den Infanteristen war das Elend im Schützengraben damit ausgestanden, er wurde aus der Truppe verabschiedet. Ob bei der Ausmusterung tatsächlich Feigheit im Spiel war, wie die sozialdemokratische und kommunistische Presse später über den schon zum Gauleiter aufgestiegenen Mutschmann spottete, muss dahingestellt bleiben. Der Dresdner Historiker Andreas Wagner* weist in einer neueren Studie zumindest darauf hin, dass Mutschmann im Dezember 1916 mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und der Friedrich-August-Medaille aus dem Heer entlassen wurde.

Die politische Laufbahn beginnt

Wieder Zivilist, widmete sich Mutschmann seiner Firma. Die Geschäfte gingen schlecht, im Hause Mutschmann möglicherweise nicht ganz so schlecht wie bei der Konkurrenz. Es kursierten, auch später immer wieder, Gerüchte, nach denen sich Mutschmann über Beziehungen zu ehemaligen Regimentsfreunden in Frankreich als Garnschieber und Kriegsgewinnler bereichert hatte. Obwohl der Verdächtigte gegen diese Behauptungen juristisch vorging und 1931 einen Prozess vor dem Plauener Amtsgericht gewann, verstummten die Anschuldigungen nie ganz. Was davon stimmte, blieb jedoch im Dunklen.

Die Enttäuschung über den verlorenen Krieg und seine innen- wie außenpolitischen Folgen für Deutschland mögen 1919 für Mutschmann den Ausschlag gegeben haben, dem Deutschen Schutzund Trutz-Bund beizutreten. Hinter dem DSTB stand der Alldeutsche Verband (ADV), ein Sammelbecken all jener, die gegen die gerade ausgerufene Republik und den Versailler „Schandvertrag“ zeterten und für alles Ungemach der Nation die Juden verantwortlich machten. Der Schutz- und Trutz-Bund traf den Nerv vieler Landsleute, seine Anhängerschaft wuchs zwischen 1919 und 1922 von 25.000 auf 160.000 bis 180.000 an. Inmitten Gleichgesinnter spürte Martin Mutschmann zum ersten Mal den Rausch der Macht, der von einer großen Bewegung ausging und der ihn von nun an nicht mehr losließ.

Allerdings hatte der DSTB aus Sicht vieler seiner Anhänger zwei Schwächen: Seine Strukturen waren unübersichtlich, teilweise auch geheim gehalten, und ihm fehlte eine überzeugende Führerpersönlichkeit. Mit beidem konnte im ultrarechten Lager bald eine aus Bayern kommende Gruppierung punkten – die im Januar 1919 gegründete Deutsche Arbeiterpartei, wenig später um das Attribut nationalsozialistisch ergänzt, die in den kommenden Jahren die zahlreichen völkisch- nationalen Bündnisse in sich aufsog. In Sachsen begann die NSDAP Ende 1921/Anfang 1922 Fuß zu fassen. Plauen gehörte zu den ersten Städten, in denen eine Ortsgruppe entstand. Der erste Anlauf, schreibt Gerd Naumann**, Experte für Geschichte des 20. Jahrhunderts im Plauener Vogtlandmuseum, ging allerdings daneben und endete am 21. Mai 1922 in einem rüden Handgemenge. Im „Bergkeller“ (Fürsten- heute Stresemannstraße, Ecke Bergstraße) gerieten Nationalsozialisten und politische Gegner handgreiflich aneinander. Beim zweiten Versuch am 31. Mai 1922 klappte es besser. Zunächst nur ganze sechs Personen, in einer Rückschau auf 15 Jahre NSDAP in Plauen als „treue Gefolgsmänner Adolf Hitlers“ belobigt („Vogtländischer Anzeiger und Tageblatt“ vom 31. Mai 1937), gründeten den Plauener Ableger der Münchner Jungpartei, neben Markneukirchen der erste im Vogtland.

Führerkult mit grotesken Zügen: Selbst den nasenbreit gestutzten Oberlippenbart trug Mutschmann wie Adolf Hitler. Fotos(3): Verwaltungsbericht der Kreisstadt Plauen 1931-1933Mutschmann gehörte nicht zum Gründer- Sextett. Möglicherweise zahlte er als Einzelmitglied Anfang 1922 bereits Beiträge direkt nach München, wie Naumann angibt, oder er trat der Partei erst unter dem Eindruck des „Deutschen Tages“ im Oktober 1922 in Coburg bei (Wagner). Tatsache ist jedenfalls, dass Mutschmann in der NSDAP seine politische Heimat gefunden hatte. Doch statt in die Bedeutsamkeit führte der Weg der Braunen nach dem gescheiterten Hitlerputsch vom 9. November 1923 erst einmal in den Untergrund. Die Partei wurde reichsweit verboten. Tatsächlich unterbunden werden konnte jedoch nur die öffentliche Propaganda, die Ortsgruppen dagegen wirkten unter neuem Namen oder integriert in andere völkische Zusammenschlüsse fort. In Plauen tauchten die NSDAP-Leute im Anfang 1924 gegründeten Völkisch-Sozialen Block unter, der sofort eine beachtliche Anhängerschaft hinter sich brachte. Bei den Wahlen zum Stadtrat im Januar 1924 errang der VSB mit 12 von 61 Sitzen auf Anhieb ein Fünftel der Mandate.

Erster Nazi in Sachsen

Für Mutschmann, bis dato unter den Hitlerleuten nicht sonderlich als Öffentlichkeitsarbeiter hervorgetreten, begann während des Verbots der NSDAP der Aufstieg innerhalb der Parteihierarchie. Drei Gründe mögen dafür ausschlaggebend gewesen sein:

- Mutschmann hielt persönlich Verbindung zu Hitler. Während dessen Festungshaft im oberbayerischen Landsberg besuchte er den NSDAP-Chef mehrfach. - Mutschmann zog die organisatorischen Fäden im VSB, der Plauener Wahlerfolg vom Januar 1924 wurde überwiegend ihm angerechnet und - der Plauener Fabrikant pumpte Geld in die Bewegung und stellte wahrscheinlich auch Parteigenossen in seiner Firma an. Später kamen sowohl in der gegnerischen Presse als von NSDAP-Abtrünnigen immer mal wieder Gerüchte hoch, Hitler wäre vollkommen abhängig von Mutschmanns finanziellen Zuwendungen gewesen. Im Einzelnen lässt sich dies nicht nachweisen, aber plausibel klingt es schon, dass Mutschmann sein Vermögen oder zumindest Teile davon für die Partei einsetzte.

Die Belohnung für den Getreuen ließ nicht lange auf sich warten. Im August 1924 wurde Mutschmann mit der Landesleitung des Völkisch-Sozialen Blocks beauftragt. Und als sich nach der Aufhebung des Parteiverbotes im Februar 1925 der sächsische Landesverband der NSDAP wieder gründete, übernahm Mutschmann das Kommando als Gauleiter, das er bis zum Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 behielt.

Ob sich Plauen in der Folgezeit tatsächlich aufschwang zu „eine(r) Hochburg des Nationalsozialismus ..., die an der Spitze aller Großstädte marschiert“, wie Mutschmann 1932 rückblickend tönte, ist unter Fachleuten umstritten. Fest steht, dass die Stadt in den propagandistischen Aktivitäten der auferstandenen NSDAP eine wichtige Rolle spielte. Auf ihren Rede- und Wahlwerbetouren gaben sich die führenden Köpfe der Partei die Türklinken der großen Plauener Versammlungshallen in die Hand.

Hitler, der in Bayern seit März 1925 öffentliches Redeverbot hatte (ab Februar 1926 zeitweilig auch in Sachsen), agitierte das Plauener Publikum erstmals am 11. Juni 1925. Die etwa „3.000 Köpfe zählende Versammlung“ begrüßte den Redner in der Festhalle „mit minutenlang anhaltenden Heilrufen und lebhaftem Tücherschwenken“ (VAT). Zweifellos gelang es dem schon geschulten Propagandisten, die Massen in seiner zweieinhalbstündigen Tirade gegen Kommunismus, Internationalismus, Judentum, ja gegen die Unfreiheit des deutschen Volkes überhaupt, in seinen Bann zu ziehen. Beeindruckt berichtete der „Vogtländische Anzeiger“ am Tag danach, wie die Zuhörer Hitler, der anschließend noch im Prater (Dobenaustraße) sprach, mit „einem nicht endenwollenden Sturm von Heilrufen“ und dem Anstimmen des Deutschlandlieds feierten.

Vor der „Machtergreifung“, einem Terminus aus dem NS-Vokabular, sprach Hitler noch zwei Mal (1928, 1932) in Plauen vor großem Publikum, außerdem veredelte er den Gauparteitag der sächsischen NSDAP im Mai/Juni 1930 mit seiner Anwesenheit. Von der aufstrebenden Partei-Nomenklatur produzierten sich unter anderem Goebbels (1925, 1926, 1930, 1931), Göring (1931), Ley, Streicher (beide 1926 und 1927) und Frick (1930) als Redner in Plauen.

 

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Von Plauen nach Dresden

Den Aufbau der sächsischen NSDAP betrieb Mutschmann von Plauen aus, wo auch der Verwaltungsapparat des Gaues seinen Sitz hatte. Ideal war diese Konstellation nicht, ließ sich doch vom geographischen Rand des Freistaates die Organisation beschwerlicher führen und kontrollieren als aus Dresden, dem Zentrum der Landespolitik und des gesellschaftlichen Lebens.

Zunächst spielten die Nationalsozialisten im sächsischen Politikgeschäft noch keine größere Rolle. Bei den Landtagswahlen im Mai 1929 errang die NSDAP fünf Prozent der Wählerstimmen. Im Juni 1930, nach seiner Auflösung musste der Landtag erneut gewählt werden, vereinten die Braunen schon 14,4 Prozent der Stimmen auf sich. Der propagandistische Aufwand im Vorfeld der Abstimmung war enorm; die letzten drei Wochen vor der Wahl überzogen die Nationalsozialisten das Land mit etwa 2.000 Veranstaltungen, auf den größten legte sich nahezu die gesamte Nazi-Prominenz ins Zeug.

Außer Mutschmann selbst, der trat als Referent kaum in Erscheinung. Offiziell begründete ein Gauschreiben (eine Art Mitgliederinformation) 1930 die rhetorische Zurückhaltung damit, dass der Gauleiter sich stark auf den Aufbau der Partei zu konzentrieren habe. Bei diesem „Aufbau“ hatte Mutschmann vor allem eines im Auge: die Festigung seiner eigenen Position. Das bekamen mögliche innerparteiliche Kontrahenten schnell zu spüren, wie die ersten beiden NSDAP-Landtagsabgeordneten (nach der Wahl vom Oktober 1926) Tittmann aus Zwickau und von Mücke. Mutschmann servierte die potenziellen Nebenbuhler ab und ersetzte sie durch hörige Leute.

Lief etwas nicht nach seinen Vorstellungen, griff der Parteigewaltige bis hinunter in die Basis zu unverhältnismäßig rüden Mitteln. So etwa 1928, als Mutschmann den Ausschluss eines Teils der Dresdner Ortsgruppe durchsetzte, und so auch 1931, als eine Gruppe des NS-Lehrerbundes in Plauen seinen Zorn zu spüren bekam. Als „organisierten Müßiggang“ beschimpfte Mutschmann im Streit mit den Schulmännern deren ganzen Stand. Die Auseinandersetzung endete mit dem Parteiausschluss der Lehrer durch ein Urteil eines so genannten Untersuchungs- und Schlichtungsausschusses der Gauleitung. Bezeichnend für den Strippenzieher Mutschmann: Um eine Entscheidung in seinem Sinne herbeizuführen, hatte er den Vorsitzenden des Ausschusses zuvor kurzerhand ausgewechselt. Schroff brüskierte der Parteifürst auch drei ältere Damen, die als stille Teilhaberinnen die Hälfte des Stammkapitals für die Gauzeitung („Freiheitskampf“, ab August 1930 ) eingebracht hatte. Auf Einmischungsversuche der Gesellschafterinnen in Geschäftshandlungen drohte Mutschmann mit dem Ausschluss vom Stimmrecht.

Der Mitgliederentwicklung der sächsischen NSDAP schadeten solche internen Aufräumaktionen ihres Chefs indes nicht. Im Januar 1929 gehörten der Partei 4.609 Frauen und Männer an, im Juni 1930 waren es schon 11.800, und im März 1931 über 27.000. Die NSDAP-Werber fischten reichlich im Becken der sozial Entwurzelten, denen die Weltwirtschaftskrise den gesellschaftlichen Abstieg gebracht hatte.

Auch Martin Mutschmann selbst verschonte der jähe Niedergang der Wirtschaft nicht. Seine Firma ging 1931 pleite. Doch da war der insolvente Unternehmer längst Parteisoldat genug, um sich von nun an ganz seiner Aufgabe als Gauleiter zu widmen. Nachdem die Nazis im Januar 1933 in Berlin die Macht an sich gerissen hatten, herrschten sie bald auch in Sachsen. Bei den nicht mehr freien Wahlen vom 5. März 1933 bekam die NSDAP 45 Prozent der Stimmen im Noch-Freistaat.

Mutschmann und seine Gauleitung siedelten über nach Dresden. Und Reichskanzler Hitler erweiterte die Machtfülle seines „Alten Kämpfers“ weiter: Anfang Mai 1933 ernannte er Mutschmann zum Reichsstatthalter.

De facto war Mutschmann damit der mächtigste Mann in Sachsen. Zur Machtvollkommenheit indessen, die er so verbissen anstrebte, fehlte ihm noch etwas: Als Kommissar für die sächsische Polizei und zwei Tage darauf als „Kommissar mit unumschränkten Vollmachten“, quasi als Ministerpräsident, hatte Hitler im März 1933 nicht ihn, sondern SA-Obergruppenführer Manfred von Killinger eingesetzt. Dem Karrieristen aus der Provinz, ohne landespolitische Erfahrung, trauten weder die Parteispitze noch das Fußvolk die geordnete Machtübernahme zu. Den Gauleiter könne man sich bestenfalls als Arbeitsminister in einem Kabinett von Killinger vorstellen, gab der Bautzener Amtshauptmann Karl von Nostitz-Wallwitz die Meinung an der Basis wieder.

Mit scheinbar wahllosen Racheaktionen an politischen Gegnern bestätigte Mutschmann diesen Eindruck noch. So drang er am 9. März 1933 an der Spitze einer Gruppe von Plauener SS-Männern in den Landtag ein und veranstaltete dort eine Hatz auf einen Abgeordneten der Deutschsozialistischen Partei und einen Zeitungsredakteur. Auch andere „offene Rechnungen“, wie die mit dem sozialdemokratischen Redakteur Eugen Fritsch, beglich Mutschmann nun. Die Inhaftierung, Misshandlung und Ermordung des politischen Kontrahenten aus Plauener Zeiten ging auf sein persönliches Konto.

Und bald triumphierte Mutschmann auch über von Killinger. Der geriet während des so genannten Röhmputsches, bei dem die gesamte SA-Führung ausgeschaltet wurde (Nacht der langen Messer, 30. Juni 1934), zweimal in Haft, wurde danach vom Amt beurlaubt und Ende Februar 1935 von Mutschmann als Ministerpräsident auch formal abgelöst. Mutschmann dulde „keine Götterlein neben sich“, kommentierte Goebbels in seinem Tagebuch den egozentrischen Charakter des sächsischen Parteiführers.

Mit Mutschmann genug gestraft

Großer Ratssaal in braun: Der Plauener NSDAP-Oberbürgermeister Eugen Wörner überreicht Mutschmann im September 1933 den Ehrenbürger- Brief, ...In seiner Heimatstadt war Mutschmann zu dieser Zeit längst ein gefeierter Held der braunen Bewegung. Im September 1933 machte der NS-Stadtrat das prominenteste Plauener Parteimitglied zum Ehrenbürger, nach Hitler und Hindenburg. „Sie waren es“, liebdienerte Oberbürgermeister Wörner in seiner vor nationalem Schmalz triefenden Laudatio, „der ... mit nie verzagendem Mut unentwegt und ohne Rücksicht auf Leib und Leben ihren schweren Weg gingen; immer gerade aus, immer dem großen Ziel entgegen ... Ihre Verdienste ... auch nur annähernd ermessen und in ihrer Bedeutung überschauen zu können, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das muss der Geschichte überlassen bleiben.“

Welches Bild von Mutschmann im Rücklick bleibt, ist bekannt. Doch schon während seiner Herrschaft war der Nazibonze bei der Bevölkerung überwiegend unbeliebt. Mutschmann galt als brutal, unter den Gauleitern war er der fanatischste Judenhasser, als einer, der die Privilegien seines Amtes für ein angenehmes Leben ausnutzte und zum Schluss des braunen Spukes auch als feige. Beim „Regieren“ lagen Mutschmann, der sich wegen seiner beruflichen Vergangenheit gern als Wirtschaftsfachmann darstellen ließ, solche Aufgaben am Herzen wie die Gründung des „Heimatwerks Sachsen“ 1936. Das beschäftigte sich neben Heimatkunst und Brauchtumspflege auch mit der „Erziehung zur Sprechdisziplin“, da man, zitiert der Berliner Publizist Mario Sporn* den sächsischen Machthaber, „sprachlich in einigen Teilen Sachsens zweifellos hinter vielen deutschen Stämmen“ zurückstehe. Gegen Sachsenwitze wollte Mutschmann am liebsten per Anordnung vorgehen. Kulturpolitisch galt seine Sympathie allein der so genannten Volkskunst, mit anspruchsvoller Kunst, wie sie etwa die sächsische Staatsoper oder zahlreiche Museen boten, konnte er dagegen wenig anfangen.

Ansonsten herrschte die Dresdner Westentaschenausgabe des Reichsdiktators, über den die Sachsen hinter vorgehaltener Hand als „König Mu“, spöttelten, in seinem Reich nach Gutsherrenart. Im Büro wäre er fast nie anzutreffen, er befände sich stattdessen meist auf der Jagd, beschrieb ein NSDAP-interner Bericht die Zustände an der Machtspitze Sachsens. „Meckerer, Miesmacher und dauernde Nörgler“ wollte der Reichsstatthalter 1939 in einer landesweiten Kampagne mundtot machen, und wer ihm widersprach, konnte froh sein, wenn er bloß aus dem Amt gejagt wurde. Als sich die Oberbürgermeister von Leipzig, Dresden und Chemnitz dies 1937 erlaubten, feuerte Mutschmann sie alle drei. Leisten konnte sich der Landesfürst diesen Stil, weil Hitler seinem langjährigen Paladin trotz aller Kritik Rückendeckung gab.

Den Schutz der Bevölkerung zu organisieren, als die Bombardierung deutscher Städte größere Ausmaße annahm, dazu zeigte sich Mutschmann hingegen kaum willens und in der Lage. Stattdessen war er sich lieber selbst der Nächste, ließ sich 1943 im Garten seiner Villa einen Privatbunker bauen und später auch seine Einrichtung dort deponieren. Sarkastisch fragten zu der Zeit die Dresdner: Warum sind wir noch nicht bombardiert worden? – Weil wir mit Mutschmann schon genug gestraft sind.

„Verblödeter Nazigötze“ ausgestellt

Es kam dann bekanntlich doch noch viel schlimmer für Dresden, im Februar 1945. Mutschmann überstand das Bombeninferno unbeschadet in seinem Bunker und setzte sich Anfang Mai in Richtung Westen ab. Am 16. Mai 1945 wurde der Flüchtige im unbesetzten Gebiet um Schwarzenberg in Tellerhäuser aufgegriffen und der Roten Armee übergeben. In Rittersgrün war am Tag zuvor schon seine Frau, die sich einem Flüchtlingszug angeschlossen hatte, erkannt und verhaftet worden.

Auf dem Annaberger Marktplatz präsentierten die Sieger ihre Beute der Bevölkerung. Triumphierend berichtete das „Annaberger Tageblatt“ vom 19./20 Mai 1945 über den Pranger: „Wie ein Lauffeuer ging am Donnerstag die Nachricht von der Festnahme des ehemaligen Nazi-Gewaltigen in Sachsen, Martin Mutschmann, durch unsere Stadt. Die Bevölkerung, die über 10 Jahre auch in unserem Bezirk von den Partei- Aposteln der NSDAP zur Anbetung dieses politisch verblödeten Nazigötzen gezwungen worden ist, atmete erleichtert auf, wieder von jenen Figuren befreit zu sein, die zu den intimsten Freunden Hitlers gehörten ... Nun stand er auf dem freien Denkmalsockel des Annaberger Marktplatzes. Diesmal nicht umgeben vom Kometenschweif seiner Parteigenossen, sondern am Pranger ...; nicht mit goldenen Tressen und dem Lametta faschistischer Kriegsbemalung, sondern in der ganzen Jämmerlichkeit seiner kümmerlichen Person. Nach außen hin ein armseliger Tropf, aber im Grunde seiner schwarzen Seele das, was er immer war und bleiben wird: ein gemeiner Volksverbrecher, der weder Rücksicht noch Mitleid verdient.“

Sicher scheint, dass Mutschmann anschließend nach Dresden gebracht wurde. Dort sollte ihm ein Schauprozess gemacht werden. Nach Nürnberg auslieferten wollten ihn die Sowjets nicht, man befürchtete, Mutschmann könnte inmitten der noch schwereren Kaliber auf der Anklagebank mit einer Haftstrafe davonkommen. Der allgemein schlechte Gesundheitszustand des ehemaligen Gauleiters, er hörte so gut wie nichts mehr und wirkte vollkommen paralysiert, verhinderten jedoch eine öffentliche Gerichtsverhandlung. Stattdessen wurde Mutschmann in die Sowjetunion gebracht, wo er wahrscheinlich 1950 in der Haft verstarb. Unter welchen Umständen, ist bis heute nicht geklärt. (PbK)

 

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*Andreas Wagner, Mutschmann gegen von Killinger. Konfliktlinien zwischen Gauleiter und SA-Führer während des Aufstiegs der NSDAP und der Machtergreifung im Freistaat Sachsen, Sax-Verlag Beucha, 2001 
**Gerd Naumannn, Plauen i. V. 1933 - 1945, Vogtländischer Heimatverlag Neupert Plauen, o. J. (1995)

 

2017-03-19



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